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Werkzeugflotte führen oder alles selber kaufen?

Hilti Fleet Management, Würth ORSY fleet oder doch klassisch kaufen? Was sich wirklich rechnet – und für wen welches Modell Sinn ergibt. Eine ehrliche Analyse mit konkreten Zahlen.

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1. Kaufen, Leasen, Flotte – was ist was?

Bevor wir in die Details gehen, klären wir die drei grundsätzlichen Modelle, wie Handwerksbetriebe an ihr Werkzeug kommen:

🛒 Klassischer Kauf

Du kaufst das Werkzeug, es gehört dir. Du kümmerst dich um Wartung, Reparatur und Ersatz. Bei Defekt zahlst du die Reparatur oder kaufst neu. Die Anschaffung wird über die AfA (Absetzung für Abnutzung) abgeschrieben – oder bei Werkzeugen unter 800€ netto sofort als GWG (Geringwertiges Wirtschaftsgut).

📋 Werkzeug-Leasing

Klassisches Leasing: Du zahlst monatliche Raten für ein Werkzeug, das dem Leasinggeber gehört. Am Ende der Laufzeit gibst du es zurück oder kaufst es zum Restwert. Reparaturen und Wartung sind meistens dein Problem – es sei denn, ein Servicepaket ist enthalten.

🚀 Flottenmanagement (Full-Service)

Das Premium-Modell: Du zahlst eine feste monatliche Gebühr pro Werkzeug, und dafür bekommst du alles – Nutzung, Reparatur, Ersatzgerät bei Ausfall, Diebstahlschutz, Gerätetausch nach 3–5 Jahren und digitale Verwaltung. Das Werkzeug gehört dem Anbieter, du nutzt es sorgenfrei. Hilti Fleet Management ist hier der Marktführer, aber nicht der einzige Anbieter.

2. Hilti Fleet Management im Detail

Hilti hat das Konzept "Werkzeug als Service" praktisch erfunden – und ist bis heute der mit Abstand größte Anbieter. Was genau steckt drin?

💰 Feste Monatsrate

Jedes Werkzeug hat eine transparente Monatsrate. Beispiel: Akku-Winkelschleifer AG 125-A22 für 14,83€/Monat (Kaufpreis: 396€). Bohrhammer TE 6-A22 ca. 25–30€/Monat. Keine versteckten Kosten.

🔧 Reparatur inklusive

Defektes Gerät? Hilti holt es ab, repariert es und liefert dir innerhalb von 1–2 Tagen ein kostenloses Ersatzgerät auf die Baustelle. Verschleißteile inklusive. Kein Werkstatt-Suchen, kein Warten.

🛡️ Diebstahlschutz

Hilti übernimmt bis zu 80% der Kosten bei Diebstahl. Auf Großbaustellen, wo regelmäßig Werkzeug verschwindet, ist das bares Geld wert. Selbstbeteiligung: nur 20%.

📱 ON!Track Geräteverfolgung

Digitale Verwaltung per App: Welches Werkzeug ist wo? Wer hat es? Wann ist Wartung fällig? Bluetooth-Tags tracken den Standort auf 30m genau. Laut Hilti verbringen Bauarbeiter 90 Stunden/Monat mit Materialsuche – ON!Track reduziert das drastisch.

🔄 Gerätetausch alle 3–5 Jahre

Nach Vertragsende bekommst du automatisch die neueste Generation. Keine veralteten Geräte, immer aktuelle Sicherheitsstandards. Akkus werden bei Leistungsverlust kostenlos getauscht.

📈 Flexibilität bei Bedarfsspitzen

Großprojekt mit 5 Extra-Bohrhämmern? Hilti stellt kurzfristig zusätzliche Geräte bereit. Danach gibst du sie zurück. Keine Kapitalbindung für Werkzeug, das 80% des Jahres rumliegt.

Aus der Praxis

Metallbauermeister Daniel Smela berichtet: "Früher habe ich pro Woche mehrere Stunden damit verbracht, Reparaturen zu organisieren – Gerät einschicken, auf Kostenvoranschlag warten, Ersatz beschaffen. Seit dem Flottenmanagement rufe ich an, am nächsten Tag steht das Ersatzgerät da. Die monatliche Rate erscheint auf den ersten Blick hoch, aber wenn man die kostenlosen Reparaturen, den Diebstahlschutz und die gesparte Arbeitszeit einrechnet, ist es rentabel."

3. Würth ORSY fleet & weitere Anbieter

Hilti ist nicht allein. Auch andere Anbieter haben erkannt, dass Handwerker lieber arbeiten als Werkzeug verwalten.

Würth ORSY®fleet

MASTERSERVICEORSYonline

Würth bietet mit ORSY fleet ein vergleichbares Full-Service-Paket: feste monatliche Nutzungspauschale, kostenlose Reparaturen über den MASTERSERVICE, Leihgeräte bei Ausfall und digitale Verwaltung über ORSYonline. Laut Erfahrungsberichten liegen die Kosten bei unter 1€ pro Tag und Gerät.

Vorteil gegenüber Hilti: Würth hat ein breiteres Produktsortiment (nicht nur eigene Marke, sondern auch Fremdmarken im Programm) und ein dichtes Filialnetz in Deutschland. Nachteil: Das ON!Track-ähnliche Tracking ist weniger ausgereift, und die Werkzeuge selbst sind im Profi-Segment nicht ganz auf Hilti-Niveau.

BTI OBTI-FLEET

Der Befestigungstechnik-Spezialist BTI bietet ein eigenes Flottenmodell: Maschinen-Leasing mit integriertem Reparaturservice, Leihmaschinen bei Ausfall und Ersatzakkus inklusive. Besonders interessant für SHK- und Elektrobetriebe, die ohnehin viel Befestigungsmaterial bei BTI kaufen.

Klarx & digitale Mietplattformen

Für Spezialgeräte, die man nur selten braucht (Kernbohrmaschine, Estrichschleifer, Rüttelplatte), gibt es digitale Mietplattformen wie Klarx. Tagesmiete statt Kauf – besonders sinnvoll bei hohen Anschaffungskosten und geringer Nutzungshäufigkeit.

Anbieter im Überblick

AnbieterModellReparaturDiebstahlTracking
Hilti FleetFull-Service✅ Inkl.✅ 80%✅ ON!Track
Würth ORSY fleetFull-Service✅ Inkl.⚠️ Eingeschränkt✅ ORSYonline
BTI OBTI-FLEETLeasing+Service✅ Inkl.❌ Nein⚠️ Basis
Klarx / MieteTagesmiete✅ Inkl.✅ Versichert❌ Nein

4. Die echten Vorteile einer Werkzeugflotte

💰 Planbare Kosten statt böser Überraschungen

Keine unerwarteten 800€-Rechnungen, wenn der Bohrhammer stirbt. Feste Monatsraten, die du sauber kalkulieren und auf Projekte umlegen kannst. Für die Buchhaltung ein Traum: eine Rechnung pro Monat statt 30 Einzelbelege.

⏱️ Zero Downtime – nie wieder Baustillstand

Das ist der größte versteckte Vorteil: Wenn ein Werkzeug ausfällt, verlierst du nicht Stunden oder Tage mit Reparatur-Organisation. Du bekommst am nächsten Tag Ersatz. Bei einem Stundensatz von 65€ kostet ein ausgefallener Bohrhammer den Betrieb schnell 300–500€ pro Tag an verlorener Produktivität. Das allein kann die Monatsrate rechtfertigen.

📊 Immer aktuelle Technik

Alle 3–5 Jahre automatisch die neueste Generation. Das ist nicht nur ein Komfort-Feature: Neuere Werkzeuge sind oft leichter, leiser und sicherer. Für Arbeitsschutz-Audits und Zertifizierungen ist dokumentierte, aktuelle Ausrüstung Gold wert.

🎯 Liquidität schonen

Ein kompletter Werkzeug-Grundstock für 10 Mitarbeiter kostet schnell 50.000–80.000€. Mit Flottenmanagement brauchst du dieses Kapital nicht auf einen Schlag aufbringen. Das Geld bleibt im Unternehmen – für Material, Löhne oder Investitionen.

🔒 Diebstahlschutz auf Großbaustellen

Werkzeug-Diebstahl auf Baustellen ist ein echtes Problem. Branchenweit gehen jährlich Werkzeuge im Wert von Millionen verloren. Die 80%-Übernahme durch Hilti und die spätere GPS-Verfolgung via ON!Track machen den Unterschied zwischen Ärger und Versicherungsfall.

5. Die Schattenseiten: Was die Broschüre verschweigt

⚠️ Du bist an einen Hersteller gebunden

Hilti Fleet = ausschließlich Hilti-Werkzeug. Wenn du ein Festool-Niveau bei Holzbearbeitung oder Milwaukee-Power bei bestimmten Werkzeugen brauchst: Pech gehabt. Du bekommst, was Hilti im Programm hat. Du kannst dir nicht den besten Bohrhammer von Hilti und die beste Säge von Festool zusammenstellen.

⚠️ Langfristige Vertragsbindung (3–5 Jahre)

Du bist nicht Monat für Monat flexibel. Hilti-Verträge laufen typischerweise 3–5 Jahre. Wenn sich dein Bedarf ändert, du weniger Mitarbeiter hast oder umstrukturierst, zahlst du trotzdem weiter. Ein vorzeitiger Ausstieg ist teuer oder unmöglich.

⚠️ Langfristig teurer als Kaufen

Die ehrliche Wahrheit: Über die gesamte Lebensdauer eines Werkzeugs ist Flottenmanagement fast immer teurer als Kaufen. Ein Hilti-Bohrhammer für 600€ hält 8–10 Jahre. Bei 25€/Monat Flotte zahlst du in 5 Jahren 1.500€ – und nach 5 Jahren bekommst du ein neues Gerät und zahlst weiter. Der Kauf-Bohrhammer läuft aber oft noch 5 Jahre weiter.

⚠️ Kein Eigentum, kein Wiederverkaufswert

Im Flottenmanagement gehört dir nichts. Wenn du den Vertrag kündigst, hast du null Werkzeug. Beim Kauf hast du nach 10 Jahren immer noch funktionierendes Werkzeug – und Hilti oder Festool haben einen beachtlichen Wiederverkaufswert auf dem Gebrauchtmarkt.

⚠️ ON!Track: Super Idee, Umsetzung hat Grenzen

Bluetooth-Tags haben nur 30m Reichweite und brauchen Gateways in Fahrzeugen und Lagern. Ohne Gateway: veraltete Standortdaten. Tags müssen alle 3–5 Jahre ersetzt werden. RFID-Tags funktionieren schlecht an Metallgeräten. Für kleine Betriebe ist der Verwaltungsaufwand des Tracking-Systems oft größer als der Nutzen.

6. Kostenvergleich: Flotte vs. Kauf

Die wichtigste Frage: Was kostet mehr? Wir rechnen zwei Szenarien durch.

Szenario: 5-Mann-Elektrobetrieb – Grundausstattung

Werkzeug (5×)Kauf (einmal)Flotte/MonatFlotte/5 Jahre
5× Akkuschrauber3.000€~60€3.600€
5× Bohrhammer SDS+3.500€~125€7.500€
5× Winkelschleifer2.000€~75€4.500€
3× Schlagschrauber1.500€~45€2.700€
Akkus & Ladegeräte2.500€inkl.inkl.
Gesamt~12.500€~305€/Mo~18.300€

Auf den ersten Blick: Kauf ist 46% günstiger. Aber: In den 5 Jahren kommen beim Kauf noch ~2.000€ Reparaturen, mindestens 1 Totalausfall (~600€), Akku-Verschleiß (~800€), und der Zeitaufwand für Reparatur-Organisation(geschätzt 30h × 65€ = ~2.000€) dazu. Real: ~17.900€ vs. 18.300€ – fast gleich.

🔑 Das Break-Even-Geheimnis

Flottenmanagement rechnet sich umso mehr, je härter du dein Werkzeug einsetzt. Ein Elektrobetrieb, der täglich 8 Stunden bohrt und stemmt, hat 3× so viele Reparaturen wie ein Maler, der gelegentlich mal die Stichsäge braucht. Für den Maler ist Kaufen fast immer günstiger. Für den Elektriker auf der Rohbau-Baustelle kann die Flotte am Ende sogar billiger sein – weil er sonst alle 18 Monate einen neuen Bohrhammer bräuchte.

7. Steuerliche Aspekte: AfA vs. Betriebsausgabe

AspektKaufFlotte / Leasing
AbsetzbarkeitAfA über Nutzungsdauer
(GWG bis 800€: sofort)
Monatsrate sofort als Betriebsausgabe
BilanzAnlagevermögen
(belastet Bilanz)
Bilanzneutral
(verbessert EK-Quote)
LiquiditätHohe AnfangsinvestitionÜberschaubare Monatsraten
Steuereffekt Jahr 1Nur anteilige AfA
(außer bei GWG)
Volle Raten absetzbar
Steuer-Tipp

Ab 2027 steigt die GWG-Grenze auf 1.000€ netto. Das bedeutet: Die meisten einzelnen Werkzeuge (Akkuschrauber, Stichsäge, Winkelschleifer) kannst du dann im Anschaffungsjahr komplett absetzen – ein Argument mehr für den Kauf. Sprich mit deinem Steuerberater, welches Modell für deine spezifische Situation optimal ist.

8. Für wen lohnt sich was?

🚀 Flotte lohnt sich für:

  • Betriebe ab 8–10 Mitarbeitern – Der Verwaltungsaufwand für eigenes Werkzeug wird hier überproportional groß
  • Heavy-Duty-Gewerke (Rohbau, Betonarbeiten, Abbruch) – Hoher Verschleiß macht die inkl. Reparaturen wertvoll
  • Betriebe auf Großbaustellen – Diebstahlschutz und Geräte-Tracking zahlen sich hier wirklich aus
  • Schnell wachsende Betriebe – Die Liquiditätsschonung ermöglicht Wachstum ohne Werkzeug-Kapitalbindung
  • Betriebe mit schwankender Auftragslage – Geräte für Bedarfsspitzen zumieten statt kaufen

🛒 Kaufen lohnt sich für:

  • Solo-Selbstständige und Kleinstbetriebe (1–3 Mitarbeiter) – Du kennst jedes Werkzeug, Verwaltung ist minimal
  • Finesse-Gewerke (Tischler, Schreiner, Maler) – Weniger Verschleiß, längere Lebensdauer, Festool-Qualität lohnt sich
  • Betriebe mit stabiler Auftragslage – Kein Bedarf an Flexibilität, langfristig günstiger
  • Wer das beste Werkzeug in jeder Kategorie will – Beim Kauf bist du markenunabhängig
  • Betriebe mit guter Liquidität – Wenn das Kapital da ist, sparst du langfristig beim Kauf

9. Fazit & Entscheidungshilfe

Unser Rat

Es gibt keine pauschale Antwort. Die Werkzeugflotte ist kein Luxus und kein Abzocke-Modell – sie ist ein Finanzierungsinstrument, das in bestimmten Situationen Sinn ergibt und in anderen nicht.

Die Faustregel: Wenn du mehr Zeit mit Werkzeug-Verwaltung verbringst als du willst, wenn Ausfallzeiten dich regelmäßig Geld kosten, und wenn dein Betrieb groß genug ist, dass du den Überblick über 30+ Werkzeuge verlierst – dann schau dir Hilti Fleet oder Würth ORSY ernsthaft an.

Wenn du ein kleiner Betrieb bist, der seine Werkzeuge pflegt und selten Ausfälle hat, kauf dir gutes Werkzeug, das 10 Jahre hält, und schreib es sofort als GWG ab. Und vergiss nicht: Auch ein Hybrid-Modell ist möglich – Kernwerkzeuge kaufen, Spezialgeräte mieten, und für die Baustelle vielleicht 2–3 Hilti-Bohrhämmer in der Flotte.

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